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Wie durch den Rüsternhag
Dein Ton, o Glocke, zieht,
Zu sterben geht der Tag,
Du bist sein Schwanenlied.
Abgründe Sterne tauchen
Allüberall herauf,
Verzückte Blumen hauchen,
Und Duftaltäre rauchen
Wie Abels Opfer auf.

Und durch mein Herz und Ohr
Klingt alte Seligkeit,
Es sinkt der dunkle Flor
Von längst begrab'ner Zeit:
Da gegen mich als Kläger
Nur stand der Blumen Schar,
Die ich verfolgt als Jäger,
Da ich ein Kronenträger
Von erst fünf Lenzen war;

Da noch die Träne mir
Kein Schmerz im Auge war,
Nein eine helle Zier,
Wie Tau auf Knospen klar;
Da gelbes Haar im vollen
Gelocke mich umwallt,
Und Segensworte quollen
In Tönen, nun verschollen,
Von Lippen, du nun kalt;

Da einer Stimme weich,
Wie Rohrgeflüster weht,
Ich bang und fromm zugleich
Nachsprach mein erst Gebet!
Und bebst du durch die Rüstern
O Glocke, voll und weich:
Dann höre ich im Düstern
Die alte Stimme flüstern
Das alte Himmelreich!

Und wieder möcht' ich ihr
Nachsprechen fromm und bang,
Doch nicht gelingt es mir,
Ich finde nicht den Klang:
Denn, ach, nicht nur vergangen
Die Stimme und verweht,
Dran einst, in heil'gem Bangen
Nachstammelnd, ich gehangen, -
Verweht ist und vergangen
Auch Segen und Gebet.

Vergangen und verweht,
Und rieselnd Herzensblut,
Das ist jetzt mein Gebet
Und Tränen mein Tribut.
Du aber mögest klingen,
Wenn sie mich abgehetzt
Und mit gelähmten Schwingen
Zur einst'gen Ruhe bringen,
O Glocke, mild wie jetzt!
Text: Udo Brachvogel - Lizenz: Public Domain