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Adam Mickiewicz

Adam Mickiewicz, der größte polnische, wenn nicht überhaupt der größte slawische Dichter, war 1798 in Lithauen geboren.
Im Beginn der 1820ger Jahre inspirierte ihn eine unglückliche Liebe zu dem mächtigen dramatischen Fragment "Dziady" ("Totenfeier"), in welchem er neben seinem persönlichen Schmerz auch der Verzweiflung über das Schicksal seines zerstückelten und namentlich von Rußland geknechteten Volkes, welche später den hauptsächlichen Inhalt seines Lebens und seiner Dichtung bilden sollte, Ausdruck lieh.
Letzteres zog ihm 1824 seine erste Verbannung in das Innere Rußlands zu, welcher dann 1830, nach Niederwerfung des großen Polenaufstandes dieses Jahres, seine Flucht ins Ausland folgte, aus dem er nie wieder in sein Vaterland zurückkehren sollte.
Er ging in die Schweiz, dann nach Paris, wo er erst Sprachenprofessor am College de France, deann unter Napoleon III. Bibliothekar an einer der kaiserlichen Blibliotheken war, und wo der inzwischen durch die jetzt der Weltliteratur angehörenden Dichtungen "Konrad Wallenrod" und "Pan Tadeuß" zum anerkannten National- und Meisterdichter seines Volkes gewordene Poet als eines der Häupter der Polnischen Emigration mit allen Kräften für eine Wiederherstelllung Polens tätig war.
Als nach den zu diesen Zwecken gemachten vergeblichen Versuchen der Jahre 1846 und 1848 der Ausbruch des Krimkrieges im Jahre 1854 abermals in den Herzen der polnischen Patrioten die hochfliegendsten Hoffnungen erweckte, ging er, um dem Schauplatz des Krieges gegen Rußland möglichst nahe zu sein, als Agigator für die nationale Sache nach der Türkei.
Als es hier aber ihm und seinen Genossen mit der nahenden Beendigung des Krieges mehr und mehr klar werden sollte, daß trotz des ungünstigen Ausgangs desselben für Rußland, die von ihnen jetzt auf Napoleon III. gebauten Hoffnung ebensowenig Aussicht auf Erfüllung hatten, wie die einst von ihren Vätern auf den ersten Napoleon gesetzten gleichen Erwartungen, starb er gebrochen an Seele und Leib, im November 1855 in Konstantinopel.
Selbst sein letzter Wunsch, daß wenigstens seine Leiche nach Polen gebracht werden sollte, ging nicht in Erfüllung. Sie wurde nach Paris überführt, welches ein kleines Menschenleben hindurch seine Heimat gewesen, und hier auf dem Montmorency-Friedhof begesetzt.

I. 1830.

Die Lippe lechzt, die heiße Erde
Sengt die verbannungsmüden Sohlen,
Bald bricht der Nacken vor Beschwerde,
Bald auch dies Herz, - leb wohl, o Polen!
Und die ihr selig mich verdammtet,
Nur euch zum Sklaven einst zu taugen,
Die ihr zum Dichter mich entflammtet,
Lebt wohl auch, Sonnen, Mädchenaugen!

Verwalltes Leid, verhallte Lieder!
Vor mehr als Menschenweh zersprungen,
Hängt, was einst Saite war, jetzt nieder,
Ist Leid und Lied für mich verklungen.
Denn meines Volkes Schicksal schreitet
Hin über Einz'ler Herzen Springen,
Und kommt, verrat- und mordbegleitet,
Ob Männer auch die Hände ringen.

Es stößt uns, ewig dir entrissen,
Die wir des Zaren Saum nicht küßten,
Jetzt, seines Rächerwinks beflissen,
In der Verbannung fernste Wüsten.
Nur eines fühl' ich, Tod im Scheiden,
O Mutter, die sie mir gestohlen,
Tod wollen sie uns allen beiden,
Tod mir, Tod dir, mein heilig Polen.

An deiner Mark will flehnd ich sitzen,
Daß Segen dich und Regen träfen,
Und flehnd zugleich von allen Blitzen
Den Strahl auf deiner Feinde Schläfen.
Nicht soll mein tönend Herzblut fließen
Mehr um den Tod im eig'nen Herzen,
Als Opferwein will ich's vergießen
Für meines Volks lebend'ge Schmerzen.

Für sie will ich zusammenraffen,
Was in mir blieb von Lied und Leben,
Davor Kosak' und Pope beben.
Die unsre Faust in Fesseln betten,
Den Notschrei können sie nicht zwingen,
Aus dem Geklirre unsrer Ketten
Wird klirrender er aufwärts dringen.

Aufwärts zu Dir! Mit allen Wettern,
Gott, wetze schwertscharf meine Lippen,
Daß ihres Haß- und Hilfschreis Schmettern
Spreng der Verließe Felsenrippen!
Hilf du mir klagen und verklagen,
Wie David schlag' ich dann die Saiten,
Und wie Gerichtes-Psalmen tragen
Soll es der Frühling in die Weiten.

Ja, Frühling! Nicht in Blütenschwärmen
Kommt er und nicht in Zephyrlüften,
Die starre Erde neu zu wärmen,
Aufküssend sie aus Eisesgrüften.
Er kommt in Patmos-Ungewittern
In Freiheits-Offenbarungsblitzen,
Das letzte Sklavenschiff macht splittern
Vom Bug er zu den Mastesspitzen.

Ein Menschheits-Lenz! Sein Sturm-Gerase
Schwillt wie von Weih'- und Aargefieder,
Tod liegt im tränenfeuchten Grase
Die Nachtigal der Liebeslieder.
Dafür durch Eich- und Tannenwipfel
Wälzt sich's wie Jüngsten Tags Gesänge,
Erst an Karpath- und Uralgipfel
Zerbrechen die gewalt'gen Klänge!

II. 1855.

Nun endlich küßt der Tod die kalte Lippe
Und legt, ein letzter Freund, sich Brust an Brust:
Der letzte Freund, - mit ihm die letzte Klippe,
An der du, und für immer, scheitern mußt.

Noch einmal über ihren wüsten Wänden,
Ob ihren Felsentiefen, fahl und tot,
Gebreitet von der Göttin eignen Händen,
Lag wie ein Licht es, wie ein Frühlingsrot.

Zwar das, was du mit jedes Pulses Hämmern
Erhofft, der große Menschheits-Lenz war's nicht,
Auch nicht des Völkertages Freiheitsdämmern,
Das du erträumt, - und doch war's wie ein Licht.

Des alten Mordspiels ew'ges Wiederholen,
Krieg [1] , hielt die alte Geierbrut umstrickt, -
Ein Licht für dich, mein Edelfalke, Polen,
Des Flug dieselben Geier einst geknickt.

Ein Licht für deine ungezählten Schmerzen
Und ihrer ungezählt'ren Kinder Schar,
Mit allem hoffend, was von Blut im Herzen,
Was noch von Polen in der Seel' uns war.

Und auch den Sänger riß auf Heimweh-Flügeln
Es wieder ostwärts, näher deinen Au'n,
Mit einem Moses-Blick von Nebo-Hügeln
Im neuen Tag sein altes Land zu schau'n.

Und wieder saß er flehnd an deiner Marke,
Flehnd, hoffend einmal noch, zum letztenmal,
Ob mind'stens jetzt dein Flug, der phönixstarke
Dich trüge aus dem Weltbrand-Bacchanal?!

Flehn, Hoffen, Tränen, - ach, umsonst sie alle!
Die große Wal verlief in Blut und Sand,
Sie heben nach wie vor die Geierkralle, -
Für Polen hob sich keine Menschenhand!

Auch diesmal nicht! Wird sie noch je sich heben?
Und wenn, - wen wird mein Geist sie heben sehn,
Daß wenigstens mein Grab im Lenzwind-Beben
Mag Sprosser [2] -übertönt in Rosen stehn?!

Mein Grab, - und wehrt des Zaren Wort, das feste,
Daß mein Gebein in Polens Erde ruht:
Den Holzstoß häuft und streut die Aschenreste
Des Sängers in der Weichsel heil'ge Flut!

Ob für ein Menschenleben dir gestohlen
Er und sein Lied auch war, doch wieder bist
Dann Wieg' und Grab du ihm mit allem, Polen,
Was er dir war und dann für immer ist.

Und ist zum Neuerstehn auch nie erlesen
Dein Volk mehr, wiegt dann doch dein Strom den Klang
Von dem, was du gelitten und gewesen,
Ins ew'ge Meer als ewigen Gesang!


[1] Der Krimkrieg Rußlands gegen England und Frankreich, 1854-55.
[2] Sprosser: die vorzugsweise an der Weichsel heimische, besonders große und stimmschöne Art der Nachtigal "Luscinia Major".
Text: Udo Brachvogel - Lizenz: Public Domain