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I. Karfreitag anno Domini 31.

Sie ließen tragen ihn das Kreuz,
Er unterlag der Bürde fast,
Doch nicht ein einziger bereut's,
Und mehr als das, die Horde freut's,
Und keiner mindert ihm die Last.

Nun stürzt er hin, doch wild ertönt
Ob seinem Haupt ihr scheltend Wort;
Er rafft sich auf, geschmäht, verhöhnt,
Er rafft sich auf, die Erde stöhnt,
Und stumm schleppt er sich weiter fort.

Da sitzt vor seines Hauses Tor
Der alte Schuster Ahasver,
Mit Wasser tritt ein Knab' hervor,
Und jener hebt den Kelch empor
Und trinkt ihn bis zur Hälfte leer.

"Ein Tropfen nur, der Durst verzehrt,
Und gräßlich ist der Sonne Glut,
Noch ist dein Becher nicht geleert, -
Du siehst vom Kreuze mich beschwert,
Du siehst, von meiner Stirn rinnt Blut!"

"Dein Haupt von Blut besudelt ist,
Dein Nacken ist des Kreuzes Bett, -
Ein Anblick, der sich nie vergißt!
Doch erst dies eine, rede, bist
Du nicht der Mensch von Nazareth?"

"Des Menschen Sohn, - du hast's genannt!"
"Dann hab' ich nichts mit dir gemein,
Den Trunk versagt dir meine Hand,
Sieh her, der Rest zischt in den Sand, -
Hinweg, du trägst verdiente Pein!"

"Und wird mein Durst auch nicht gestillt,
Laß nur ein wenig trocknen mich,
Von deinem Dach beschattet mild,
Das Blut, das meiner STirn entquillt,
Und noch am Kreuze segn' ich dich!"

Schon läßt er bebend nieder sich
Zur Schwelle in des Hauses Tor, -
Da springt mit Mienen, fürchterlich,
Draus alles Menschliche entwich,
Der alte Ahasver empor.

Und jener fleht mit bleichem Mund,
Der Schuster aber brüllt dies Wort:
"Und wärst du mehr als todeswund,
Von meiner Schwelle fort, du Hund!"
Und stößt ihn mit dem Fuße fort.

Da schaudert die Sonn' und schlang
Sich um das Antlitz nächt'gen Flor,
Ringsum erstorben jeder Klang,
Nur wie entsetztes Ächzen drang
Es aus der Erde Schoß hervor.

Die Horde stürzt von Schreck gebannt, --
Nur der das Kreuz trägt stehet da
Und weist mit seiner weißen Hand,
Als wies' er in ein andres Land,
Hin auf den Weg nach Golgatha.

Das war ein Tag, wie keinen noch
Die Erde seit der Sintflut sah, -
O Juda, und vollbracht ward doch
Am selbstgetrag'nen Holze hoch
Sein Kreuzesmord auf Golgatha!

Der Abgrund hatte ausgesandt
Sein Lieblingskind, die Finsternis,
Die stieg, ihr wallend Grabgewand
Ausbreitend über alles Land,
Aus des geborst'nen Erdgrunds Riß.

Und mit dem Grund zugleich zerschliß
Des Tempels Vorhang, perlgeschwellt,
Wie von haarscharfem Schlangenbiß
Und schrillen Klangs, als ging der Riß
Grad mitten durch das Herz der Welt.

Verlöscht sonst jedes Lebens Spur,
Kein Atmen rings, kein Leuchten mehr,
Ein einzig Todsein Feld und Flur, -
Ein ganz verlor'nes Flackern nur
Kam von der Schädelstätte her.

Dort aber klang das eine Wort,
Das ew'ge Wort: "Es ist vollbracht!"
Und mit des Grals smaragd'nem Hort
Voll seines Blutes, trug es fort
Der Engel, der am Kreuz gewacht:

Am Kreuz, dran welkend hing und bleich
Die Gottesblum', aus deren Schoß
Mörd'risch geknickt hier, doch zugleich
Entströmt ein Welt- und Himmelreich, -
Zugleich und beide grenzenlos!

Am Fuß des Kreuzes aber rang
Der Mutter-Schmerzen Königin
Und gleich ihr todesbleich und bang,
Die ihn noch liebt' in heiß'rem Drang,
Sie, die goldhaar'ge Büßerin:

Die ihm den Fuß zu salben kam
Und trocknen mit dem eignen Haar,
Und die ans Herz er lächelnd nahm,
Weil Schönheit ihre Schmach und Scham
Und Lieben nur ihr Sünd'gen war.

Sie sagten nicht, sie klagten nicht,
Sie starrten stumm, bis purpurn klar
Sich brach des ersten Tages Licht,
Wie rieselnd Blut auf Gold sich bricht,
Auf Magdalenas gelbem Haar.

Von keinem Ton die Brust gebläht,
Still starrten sie und stumm empor,
Bis sie ihn einmal noch erspäht:
Dann schritt, des Weltleids Majestät,
Das Frau'n-Paar in den Tag hervor.

Der aber schrak in seinem Gleis
Zurück, da rosig er umfing
Den Gott im Menschen-Todesschweiß,
Der weißer als der Lilien Weiß,
Am Mittnacht-schwarzen Kreuze hing.

II. Der Sechste Juli anno Domini 1415. [1]

(Johannes Huß, 1369-1415)

"Laßt mich! Mich schützt des Kaisers Wort, -
Hinweg mit Klagen, fort mit Tränen,
Mit Argwohn und mit Zweifeln fort!
Des Kaisers Brief, der Horte Hort, -
Er sei ein Fallstrick wollt Ihr wähnen?

Und mehr noch als des Kaisers Brief,
Schützt der, den ich im Traum gesehen,
Der, als ich ihm zu Füßen schlief,
Für ihn zu zeugen mich berief, -
Drum seid getrost und laßt mich gehen!"

Des Kaisers Brief! Zehn Tage drauf
Zog schweigend er in Konstanz Mauern.
Nachdrängend ihm in Schritt und Lauf
Neugierig-blödes Volk zu Hauf,
Die glotzten stumm ihn an und schauern.

Er aber wandelt hoch das Haupt,
Als schritt er schon dem Himmel näher,
Von keinem Erdqualm mehr bestaubt;
Wird, was er lehrt, auch nicht geglaubt,
Verstummen Spötter doch und Schmäher.

Der Reichstag aber hörte ihn,
So hört man einen Missetäter,
Ein Papst- und Kaiser-Sanheddrien,
Der nie geschontnoch, nie verziehn,
Ward er zum doppelten Verräter.

Der Papst im Weltherrn-Hermelin
Und auch im ganzen Weltherrn-Grimme, -
Dreifach gekrönt, macht, was verliehn
An Kronenpracht ihm, dreifach ihn
Taub für des Rechts und Mitleids Stimme!

Der Kaiser mit der Kirche Haß, -
Sein Wort zum Wortbruch nur erlesen,
Er ärger noch als Kajaphas,
Der auf dem Priesterstuhl nur saß,
Und der ein Henker nur gewesen!

Und also kam, was kommen mußt':
Der Spruch, der von der Priester Grimme
Ihn traf und von der Henker Lust,
Des Kaisers Brief noch auf der Brust,
Und in der Brust des Gottes Stimme!

Der Scheiterhaufen ist entflammt,
Die Glut will zischend sich empören,
Sie, die vom Busen Gottes stammt,
Soll jetzt, zum Tod durch sie verdammt,
Des Vaters Meisterwerk zerstören!

Dort kommt er an, - o Sigismund,
Wagst, Kaiserschlächter, du's zu sehen?
Verschlingt dich nicht der Erde Grund?
Gebete zischt dein Schlangenmund, -
Wortbruch ist alles, selbst dein Flehen.

Dafür auch nimmt's der Himmel an!
Indes zieht enger schon das Feuer
Rings um das Opfer seinen Bann,
Ihm leckend bis zum Knie hinan,
Ein stückweis mordend Ungeheuer.

Und horch, noch einmal tönt es dicht
An des entflammten Holzstoß' Stufen, -
Des Kaisers Herold ist's, der spricht
Und fragt mit Judas-Mild': ob nicht
Er jetzt noch wolle widerrufen?!

Hört er's, der nur noch höher hebt
Den Kopf, gleich einem Dutzend Kaisern?
Kein Blick zuckt, keine Wimper bebt,
Kein Hauch von Ja noch Nein entschwebt
Dem Mund, der stumm, als wär' er eisern.

Doch nur ein Augenblick, und dann,
Dann lächeld schon der Erzmund wieder,
Als dort, wo nah dem Feuerbann
Noch eben stand des Kaisers Mann,
Ein simpel Bäuerlein kniet nieder.

Er sah, wie das von Reisig trug
Herbei ein Bündel, voller Eifer
Zu glühn den Brand, der, wie er schlug
Auch hoch, noch glüh und hoch genug
Nicht seinem frommen Ketzer-Geifer.

Und lächelnd fällt, ob rings auch das
Gelodr' ihm steigt zu Hüft' und Rippen,
In all den Wahn und all den Haß
Nur ein: "Sancta Simplicitas!"
Verzeihend von den Märtyrlippen.

Und hauptwärts steigt des Feuers Schein,
Als woll' es mit der Feuerseele,
Dies es entführt, ganz eines sein, -
Da hält die Glut noch einmal an,
Und stockt noch einmal das Geschwehle:

Als plötzlich fliegt im Bogen schief
Ein Schriftstück aus dem Flammen-Güssen, -
Nimm's, Kaiser, auf! Es istein Brief,
Des frei Geleit zum Holzstoß rief, -
Der Holzstoß speit ihn dir zu Füßen!

Auch hier, auch hier war es vollbracht,
Der Lebenskampf, das Todesringen;
In Tränen stieg herauf die Nacht,
So weich, so taugetränkt, so sacht,
Als tropfe sie von Engelsschwingen.

Die kam, ins luftige Gewand
Den Staub vom Holzstoß zu erhaschen,
Und streut ihn leise allem Land,
Als wär' es Gottes eigne Hand,
Auf Brust und Haupt als Reue-Aschen.


[1] Der Tag, an welchem der vom Konstanzer Konzil trotz Kaiser Sigismunds Geleitsbrief zum Tode verurteilte Johannes Huß in der Gegenwart des Kaisers verbrannt wurde.
Text: Udo Brachvogel - Lizenz: Public Domain