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Der Fall Zions.

Zion stürzt in Schutt zusammen,
Und es ziehet bei dem Schein
Von des Stift-Gezeltes Flammen
Titus Triumphator ein.

Schaudernd steht der Hohepriester,
Kettentragend, schmuckentblößt,
In des Tempels Flammen liest er,
Daß der Herr sein Volk verstößt.

Schleppen sieht er Heidenknechte
Die Gefäße vom Altar,
Welcher für Jehovas Rechte
Einst das Ruhekissen war.

Die entweihten Thora-Rollen
Streu'n sie auf den staub'gen Pfad,
Reißen den juwelenvollen
Vorhang vor des Bundes Lad'.

Horch, und vom geschleiften Tore
Wälzet sich Triumphgeschrei,
Und umjauchzt vom Kriegerchore
Sprengt des Sieges Gott herbei.

Doch am Tempel hemmt der Rasche
Seines Berberhengstes Lauf,
Als vor ihm aus Schutt und Asche
Steigt der Hohepriester auf.

Nicht zu fluchen, nicht zu segnen, -
Eins nur sagt der Stunde Qual:
Daß zwei Welten hier begegnen
Sich das erst' und letzte Mal!

Anders Titus, - voller Milde
Ruft er: "Ich befreie dich!"
Doch gleich einem ehrnen Bilde
Hebt der Priester höher sich:

"Wagst von Gnade du zu sprechen,
Mir und hier, an diesem Ort?
Jeder Hauch wird zum Verbrechen
Und zum Fluche jedes Wort.

Letztes Blatt von Aarons Stamme
Fall' ich durch Jehovahs Erz,
Höher schlägt die Tempelflamme,
Höher noch mein brennend Herz!

Hebt und streckt die Schakalhände
Nur voll Habgier, Schmutz und Staub,
Euer Gützenhäuser Wände
Schmückt sie nur mit Zions Raub. -

Aber zittert vor dem Rächer,
Denn ich sehe es im Geist,
Wie auch euer Tempel Dächer
Des Erobrers Glut umkreist!

Und der wird in Flammenwettern
Euer Marmorsäulen Joch
Tief, wie Zion, niederschmettern,
Und unendlich tiefer noch:

Denn um euren Sturz zu mildern
Bleibt euch keines Trostes Hauch,
Und mit den gebroch'nen Bildern
Brechen Eure Götter auch!

Anders Juda! Heult und qualmt auch
Rings des Feindes Brand und Spott,
Ob ihr gänzlich uns zermalmt auch,
Dennoch bleibt uns unser Gott.

Mögt ihr dies, sein Haus zertreten,
Überall so gut wie hier,
Zu ihm weinen, zu ihm beten,
Zu ihm sterben können wir!

Aber Säulen jetzt, ihr teuren,
Heil'ges Zederndach und du,
Stürzt und brecht und dekcet euren
Letzten Hohenpriester zu!"

Und zum blut'gem Himmel hebend
Die von Ketten blut'ge Hand,
Riesenschemenhaft verschwebend
Stürzt er in des Tempels Brand.
Text: Udo Brachvogel - Lizenz: Public Domain