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Ein Jahrestag

Wie kann ich's fassen, wie es sagen,
Was mir dies ein Jahr gebracht?
Des schönsten Morgens volles Tagen
Nach unheilvollster tiefer Nacht!
Verloren trieb ich im Gewirre,
Die eig'ne Brust war Feindesland,
Als ich, an mir und allem irre,
In dir mich selbst und alles fand.

Ein Schiffer, der entflohn der Brandung,
Blick' ich aufs wilde Meer zurück
Und ruf' im Vollgefühl der Landung:
Es gibt ein Land, es gibt ein Glück!
Ein Land, von dessen grünen Matten
Der Blick sich neu zur Sonne kehrt,
Und das im Balsam seiner Schatten
Der Brust von neuem atmen lehrt!

Ein Glück, das noch aus Brand und Aschen
Auf gold'ner Phönixschwinge steigt
Und selbst dem Neid, dem blinden, raschen,
Der Götter nicht den Nacken neigt!
Er kann es nehmen und zertrümmern,
Eins aber kann kein Götterzorn, -
Mir das Bewußtsein je verkümmern:
Es quoll auch mir sein vollster Born!

Wie lang' er quillt? Vermess'ne Frage,
So lang noch Well' um Welle träuft
Und sich mit jedem neuen Tage
Ein neues Glück zum alten häuft;
So lang die eig'ne Herdglut spendet,
Was unser Sein erwärmt, erhellt,
Und keine Welt uns lockt und blendet,
Weil in uns selber eine Welt;

So lang dein Blick mich jede Stunde,
Mein eigenst Eigentum, umschwebt,
Und dieser Mund von deinem Herzen lebt;
So lange du aus meinen Wänden
Die dunkeln Geister scheuchst zurück,
Du Geberin mit vollsten Händen,
Du Bringerin von all dem Glück!

Nein, keine Frage drum, kein Bangen
Vor künftiger Gewitter Groll!
Nur nehmen will ich und empfangen
Und nur besitzen ganz und voll:
Was du mir bist, kennst kein Vergessen,
Kein Sterben, keine Flucht der Zeit,
Was du mir gibst, ist ungemessen,
Ist hier schon Unvergänglichkeit!
Text: Udo Brachvogel - Lizenz: Public Domain