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Eine Ungenannte: "Ein Päckchen Lein"

Oh du, dem in dem Schoß des Glücks
Noch Schlummer blüht in jeder Nacht
Der niemals schluchzet hinterrücks
Und nur vor andern krampfhaft lacht,
Blick auf, heut tritt mit Wangen, wie
Saharas Steppe wüst und fahl,
Die Not auf gramgebroch'nem Knie
An deinen Tisch, Sardanapal.

&qout;Nicht heb' ich," spricht sie, "heut die Hand
Zu deiner Weizenkammern Schatz,
Nicht bettl' ich heut um ein Gewand,
Und nicht an deinem Herd um Platz.
Zwar graus' ist's, wenn vor Hungers Wut
Ins faule Lagerstroh du beißt,
Und wenn des Hagels scharfe Flut
Die nackte Lende dir zerreißt.
Und wenn du für dein Kindlein zart
Nicht eine Rinde Brot gewannst,
Und doch nach Pelikanenart
Dein Herz nicht einmal öffnen kannst, -
Doch still davon! Nicht kam ich her,
Nicht darum, Götterliebling, sieh,
Ein andres Flehn, das groß und schwer,
Leg' ich dir heute auf das Knie:

Wie seid Ihr mild, die jederzeit
Die Not mit reicher Spende labt,
Wie hört und liest man's weit und breit,
Welch ungeheures Herz Ihr habt,
Wie seid Ihr's meist auf offnem Platz,
Wie stillt Ihr Tränen auf dem Markt,
Und gebt dazu noch Lehrenschatz,
Daß jeder, der es hört, erstarkt.
Im Meeting, ja vom Heiligtum
Der Kanzel werdet Ihr genannt,
Und weiter noch trägt Euren Ruhm
Die Zeitung über Meer und Land.

Die Zeitung! Schau die Spalten, Welt;
Was erst beim jüngsten Städtebrand
Sie taten, wie sich Namen stellt
Dicht neben Namen bis zum Rand!
Schau, wie mit 'Hundert' lobesam
Der Held des Börsenwuchers prahlt,
Der jüngst die Kuh der Witwe nahm,
Die ihm den Taler nicht gezahlt.
Den Wüstling hier, dem letzte Nacht
Der Würfel Haufen Golds geschenkt,
Und der, weil just es Spaß ihm macht,
Mit 'Zehn' der Abgebrannten denkt.

Und Namen jetzt, wie schön gereiht, -
O Herzen, mild und brüderlich,
Wie weiß wäscht eure Eitelkeit
Im schwarz gedruckten Namen sich!
"Hier endlich, hier ein "Ungenannt"!
Ein Scherflein, wenig Linnen nur, -
Und doch, dich segne Gott, o Hand,
Und deiner Heimat Hütt' und Flur!
Ein Päckchen Wäsche, - o, ich weiß,
Selbst nähtest du es letzte Nacht,
Dein Aug' ist rot und brennend heiß,
Doch ward es heut zur Post gebracht.
Noch mehr, mir ist, als ob dein Kind
Nur zwei der Hemdchen haben mag, -
Eins gabst du hin und sprachst nur lind:
'Nun wasch' ich jeden zweiten Tag!'
O Hand, o Herz, wie Goldes Schatz,
Ob auch dein Name hier nicht steht,
Was tut's, - dein ist der erste Platz
In jedes Armen Dankgebet!

Doch Ihr auf Lagern flaumgeschwellt
(Indes auf Stroh sich jene schmiegt),
Ihr, die ihr zum Altar Euch stellt
(Indes im Vorhof jene liegt):
Gold streut Ihr in des Elends Schoß,
Hell klingt es, klingelt Euren Preis, -
Weh, Euer Hochmut letzt sich bloß,
Doch Euer Herz bleibt tot wie Eis!

O, ahntet Ihr, wie Bettelbrot
So hart sich bricht, so schwer sich ißt,
Wie sich durchnähter Nächte Not
Und Knechtesfronde eh'r verißt:
Ihr knietet vor der Schmerzensschrift
Auf bleicher Lippen Agonie
Und träuftet nicht das Gallengift
Solch eines Mitleids noch auf sie!
Ihr ging't, von niemanden gekannt,
Zur Nachtzeit in des Elends Haus
Und gäbet stumm und abgewandt
Und ging't verhüllten Haupts hinaus!
Und statt hochweiser Worte Schwall
Erhübt ihr stumm das Augenlicht
Zum Himmel, wo des Mondes Ball,
Licht, wie Gott selbst, aus Wolken bricht:
Dann wüßtet Ihr, was die empfand,
Die dieses Lein in eins geschmiegt,
Und daß vor ihm ihr 'Ungenannt'
Mehr wie ein Kaisername wiegt!

Wo Euch das Herz nicht spricht und bricht,
Da hat die Wohltat keine Kraft,
Und Segen bringt dem Geber nicht,
Was Rot der Scham dem Nehmer schafft:
Demütig Wohltun nur ist echt,
Und ärmer wirst du einstens sein,
Und gäbst du Perus, kalt Geschlecht,
Als jene mit dem Päckchen Lein!"
Text: Udo Brachvogel - Lizenz: Public Domain