Menü Lehre mich beten
Du Berg mit dem Gipfel, von Wolken umschauert,
Nimm auf dieses Herz, wenn es zweifelt und trauert!
Die Erde zu Füßen, so nahe dem Himmel,
Fast Nachbar dem tanzenden Sternen-Gewimmel,
Ob unten im Tale auch morde der Blitz,
Ich lächle, entrückt ihm auf ragendem Sitz:
Hier, ewiger Geist, wolle zu mir treten,
Aufs Herz leg' die Hand mir und lehre mich beten!

In wallenden Saaten, in blühenden Rosen,
In Bächen, die schwellende Ufer umkosen,
Da kann ich, Urew'ger, dich nimmer erkennen.
Und wenn dich die Menschen die Liebe nun nennen,
Dann schüttl' ich das Haupt, mir ist ja bewußt,
Sie tragen die Lieb' in der eigenen Brust,
Und das eigene Ich ist's, zu welchem sie flehten, -
Ich aber, ich kann zu mir selber nicht beten.

Doch wenn du nahst in Gewalt und Gewittern,
Dann lausche ich dir in zagendem Zittern!
Wenn, spielend mit Eichen, die Hundert von Jahren
Des Urwalds urweltliche Hüter schon waren,
Die winselnde Waldwelt dein Atem durchstürmt,
Und Wolken, zu Nachtgebirgen getürmt,
Wie Flocken vor deinem Hauche verwehten:
Dann hauche auch mich an und lehre mich beten!

In Kirchen und Häusern, die sie dir erbauen,
In Weihrauch und Bildern, nicht mag ich dich schauen.
Nein, komme unendlich, wie nie du begonnen,
Vom Fuße dir Erden schüttelnd und Sonnen.
Vom Grimm des Gerichtes die Hände umgraut,
So stürze die Häuser, die sie dir erbaut,
Wo zum eigenen Bilde dein Bild sie verdrehten, -
Auf Trümmern von Tempeln lehre mich beten!

Ich möchte so gerne die Hände erheben,
So gerne vor dir vergehn und vergeben, -
O, laß mich vernehmen die eherne Stimme,
Wie einst aus des Busches aufloderndem Grimme
Sie Mosen, dem Niedergestürzten, erklang,
Wie sie aus den Flanken des Sinai drang:
Dein Zorn, dein Zerschmettern sind meine Propheten,
Auf wankenden Welten lehre mich beten!
Text: Udo Brachvogel - Lizenz: Public Domain