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Urmutter Nacht, nun legst die kühle Hand
Du allem Leben auf die Fieberstirne,
Kaum halb vernehmlich rinnt der Stunde Sand,
Kaum halb noch pochen Herzen, Puls' und Hirne.
Raubtier nur und Raubmensch durchschleicht die Stille
Auf noch viel stillern Diebs- und Liebessohlen,
Das, was ihm wehrt des Tags Despotenwille,
Vom Tisch des Lebens sich bei Nacht zu holen.

Sonst Schlafen rings, fast todesschön und -groß,
Und doch nicht tot in seinem Todesschweigen,
Wenn sich, selbstzeug'risch, ihm aus tiefstem Schoß
Als zweites Leben ringt des Traumes Reigen.
Nachtmensch, dein Werk, und ganz und gar das deine:
Wie seinen Ton selbstherrlich formt der Töpfer,
So seinen Traum der Träumer ganz alleine,
Sein eigenstes Geschöpf, nur er sein Schöpfer!

Bis wieder Tag, der flammende Despot,
Aufsteigt in Gold und Purpur, um allwegen
Das Sonnenkreuz von Fronde, Schweiß und Not
Dem Tagesmensch aufs Genick zu legen.
Und schleppen muß er's unter Pein und Stöhnen
Dan Martersteig von Haß, Neid, List und Lüge,
Und ringsum nur des Ahasvere Höhnen,
Und nicht ein Simon, der das Kreuz ihm trüge!
Text: Udo Brachvogel - Lizenz: Public Domain