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In der Schenke

Am Jahrestag der unglücklichen Polenrevolution.

Unsre Gläser klingen hell,
Freudig singen unsre Lieder;
Draußen schlägt der Nachtgesell
Sturm sein grausendes Gefieder,
Draußen hat die rauhe Zeit
Unsrer Schenke Thür verschneit.

Haut die Gläser an den Tisch!
Brüder, mit den rauhen Sohlen
Tanzt nun auch der Winter frisch
Auf den Gräbern edler Polen,
Wo verscharrt in Eis und Frost
Liegt der Freiheit letzter Trost.

Um die Heldenleichen dort
Rauft der Schnee sich mit den Raben,
Will vom Tageslichte fort
Tief die Schmach der Welt begraben;
Wohl die Leichen hüllt der Schnee,
Nicht das ungeheure Weh.

Wenn die Lerche wieder singt
Im verwaisten Trauerthale,
Wenn der Rose Knospe springt,
Aufgeküßt vom Sonnenstrahle:
Reißt der Lenz das Leichentuch
Auch vom eingescharrten Fluch.

Rasch aus Schnee und Eis hervor
Werden dann die Gräber tauchen;
Aus den Gräbern wird empor
Himmelwärts die Schande rauchen,
Und dem schwarzen Rauch der Schmach
Sprüht der Rache Flamme nach.
Text: Nikolaus Lenau - Lizenz: Public Domain