Menü

www.solars.de → Literatur → Gedichte → Bürger, Gottfried August

Minnesold

Wem der Minne Dienst gelinget,
O, wie hoch wird der belohnt!
Keinen bessern Lohn erringet,
Wer dem größten Kaiser frohnt.
Denn, mit Zepter, Kron' und Gold,
Frohnt er selbst um Minnesold.

Was sind Gold und Edelsteine?
Was des Mogols Perlenpracht?
Minnesold ist doch alleine,
Was auch reich die Herzen macht,
Perlen, Edelstein' und Gold,
Nähm' ich nicht für Minnesold.

Minnesold läßt Amt und Ehren,
Goldnen Sporn und Ritterschlag,
Läßt uns ohne Neid entbehren,
Was der Kaiser geben mag.
Ehre lacht nicht halb so hold,
Als der Minne Freudensold.

Nirgends labet wol hienieden
Noch ein Wohlgenuß so süß.
Süßeres ist nur beschieden
Seligen im Paradies.
Süß ist, was die Biene zollt;
Süßer dennoch Minnesold.

Minnesold ist aller Freuden,
Aller Freuden Mark uns Saft;
Minnesold hat aller Leiden,
Aller Leiden Heilungskraft.
Was der Balsamstaud' entrollt,
Heilet nicht, wie Minnesold.

Minnesold lehrt frei verachten
Aller Fährlichkeiten Noth,
Flammen, Wasserfluthen, Schlachten,
Lehrt verschmähen jeden Tod.
Stürb' ich nicht für Ruhm und Gold,
Stürb' ich doch für Minnesold.

Auszuspenden alle Habe,
Zu verbluten mit Geduld,
Wär' ein Scherflein Armengabe
Für der Minne Dank und Huld.
Den Verlust von Gut und Blut
Macht der Sold der Minne gut.

O, so will ich immer harren,
Immerdar, mit stetem Muth;
Im Decemberfrost erstarren,
Schmachten in des Heumonds Gluth.
Denn das Alles lohnt der Sold,
Den getreue Minne zollt.
Text: Gottfried August Bürger - Lizenz: Public Domain