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Ein Winter

Beschwörung.
(Als Prolog.)

Aus eurer Gruft empor, ihr toten Stunden!
Noch einmal sei's durchlebt und durchempfunden:
Wie sehr zwei Seelen füreinander brannten,
Die doch trotz aller Glut sich nie gefunden,
Die sich verblendet quälten und verkannten,
Bis sie zuletzt sich kalt und höhnisch trennen!
Was dann erfolgt, nur Tränen können's nennen.
Das arme Wort erschrickt vor solchen Wunden.

Mit kalten Händen und noch kält'rem Munde
Nahmst Abschied du in jener schlimmsten Stunde,
Und fast wie Hohn klang, was von "Dank", "Glück", "Frieden"
Du hinwarfst, eh' du, hoch das Haupt, geschieden.
Und ich? Ich wußt' es besser noch zu machen,
Als sie dich lächeln sahn, sahn sie mich lachen:
Mein Atmen, Reden, jeder meiner Züge -
Die eine große selbe Selbstmord-Lüge!

Wer damals uns ins Herz gesehen hätte,
Sah einen Doppelgang zur Schädelstätte.
Doch keiner sah's. Sie lobten nur, wie immer,
Als höchst verständig uns. Dafür hab' nimmer
Von einer Kleinigkeit ich auch gesprochen, -
Daß nämlich uns dabei das Herz gebrochen.

Auf der Eisbahn.

Unter Samt gepreßt die Locken,
Um die Schultern Hermelin,
Trug durch Reif und Eisesflocken
Dich der kleinen Schlittschuh hin.
Südens Schönheit hier im Norden,
Leicht umtanzt von weißem Schaum, -
Lebend dünkte mich geworden
Cyprias Entstehungstraum!

Wie du durch den Schnee die Arme
Zitternd strecktest vor dich her,
War's, als flög' die zuckende warme
Hebe hin zum Jupiter,
War's, als ob dir unterm Mieder
Lebt' und bebte Paros Glanz,
Und im Knospen dieser Glieder
Schwoll die Blüte Griechenlands.

Doch, was willst du hier im Norden,
Ätna-Rebe unterm Schnee,
Unter pelzbebrämten Horden
Des Horatius Lalage?
Deine Heimat ist, wo Myrthen
Streuen ihren Blütenschnee
Und Orangenhaine gürten
Eine ewig laue See.

Folge mir! Gen Süden wend' ich,
Nach Italien komme mit,
Und Pompeji wird lebendig,
Wenn es nur dein Fuß betritt.
Steigend aus dem Schutt erglüht die
Marmorne Laidion,
Und aus Lava-Aschen blüht die
Rose des Anakreon.

Taghell ringen Säulenglieder
Sich aus Trümmernacht empor,
Und der Sappho schönste Lieder
Singt und tanzt ein Bacchenchor;
Längst verlorner Schönheit Mythe
Rauscht durch Lorbeerwipfel hin,
Und des Phidias Aphrodite
Grüßt in dir die Zwillingin!

Licht und Gedicht

Weil stets du zwangst zu lieben,
Wer einmal dich gesehn,
Fühlt' ich mich just getrieben,
Dir stolz zu widerstehn.

Ich nahte dir eiskalt mich, -
Da traf dein Blick so tief
Und traf mit der Gewalt mich,
Daß all mein Stolz entschlief.

Was ich in ihm gelesen,
Dem einen, ersten Blick,
Durchdrang mein ganzes Wesen,
Wie leuchtende Musik.

Doch als gleich drauf du, sprechend,
Blick senktest und Gesicht,
War's, wie aus Nebeln brechend,
Ein klingend, singend Licht.

Als ob kein Weg sonst bliebe,
Hab' ich mein Haupt entblößt,
In Rührung, Demut, Liebe
War all mein Stolz gelöst.

Als was seitdem zur Seite
Du stets mir, weiß ich nicht:
Als klingend Blick-Geleite,
Als leuchtend Wort-Gedicht?

Ich weiß nur, daß mein Leben
Klang plötzlich ist und Licht,
Und fühl' in bangem Beben,
Daß du das beides bist!

Was zauderst Du?

Doch warum "bang und bebend",
Mein Herz? Warum nicht klar
Und fest das Haupt erhebend,
Wie deine Art sonst war?

Warum mit Zweifeln streitend,
Und scheu nur schau'nd zurück,
Statt freudig vorwärts schreitend
Zu neuem Sieg und Glück?

Vor einer Knospe stehst du,
Herz, die ins Blühen ringt!
Was zauderst du, was flehst du,
Daß sei von selber springt?

Was zu des Vollblühns Wonne
Allein ihr hilft und frommt:
Das Wort- und Lichtgeschmeide
Sager und Sieger war!

Was zauderst du? Was bebst du
Diesmal vom Licht zurück?
Das Dunkel, warum hebst du,
Es diesmal nicht vom Glück?

Was windet dir im Schoße
Sich ungeboren fort,
Nach Leben schrei'nd, das große
Liebes- und Sonnenwort?

Mene Tekel!

Ob deine Stimm' auch Licht mir,
Musik dein Auge war,
Als du wie ein Gedicht mir
Schienst in das Leben klar:

Hat doch zur selben Stunde
Mir eine dunkle Macht
Auf tiefstem Seelengrunde
Ein andres noch entfacht.

Ein Andres, Drohndes, Nächt'ges,
Das ich nicht meistern kann,
Hält mich, als Übermächt'ges,
Im Mentekel-Bann.

Gleich anfangs flog ein Ahnen
Durch Seel' und Sinn mir bang,
Weil dir schon da ein Mahnen
Aus Wort und Wesen klang, -

Ein Mahnen, dräu'nd und warnend:
"Vor dieser neuen Glut,
Euch beide jäh umgarnend,
Seid beide auf der Hut!"

Seitdem nicht im Gemüte
Nur flüstert's stetig mir,
Im Ohr auch hallt's mir: "Hüte
Vor ihr dich und - vor dir!"

Im Wasserspiegel.

Warst du jemals ganz beglückt,
Wenn du richtig es erwogen?
Was hat je dich ganz entzückt,
Und danach nicht ganz betrogen?

Wen ein Heil du heut erkämpft,
Ward dir nicht das heiß ersehnte
Durch die Furcht alsbald gedämpft,
Daß der Morgen schon es zehnte?

So auch jetzt! Kaum hebst zum Mund,
Dich wie nie vorher zu letzen,
Du den Trunk, als dich vom Grund
Auch schon anstarrt das Entsetzen.

Wie entflohn der Meute Zorn
Und dem Tod, schier unabwendlich,
An des Walds geheimsten Born
Sinkt das Wild, gerettet endlich:

Doch statt sich im Quell zu sehn,
Den Jagdhenker mit Entsetzen
Hinter sich sieht lauernd stehn,
Flank' und Herz ihm zu zerfetzen.

Ich und Du!

Es ist umsonst! Wie soll das Wort ich sprechen,
Gehst du so stumm und streng an mir vorüber?
Und wie sollst du das arge Schweigen brechen,
Seh ich feindselig schier nach dir hinüber?

Feindselig, ja, - wenn deine Lippen lachten
Ob meiner Glut?! Ich würd' es nimmer tragen,
Selbst müßt' ich mich für alle Zeit verachten,
Selbst hassen mich in fernsten Zukunftstagen.

So schweig' ich denn! Mein eigen Grabmal häufen
Will eh'r ich, als in des Dich-Liebens Neige
Mir noch die Hefe des Mich-Hassens träufen, -
Ich seh dich an und sterbe, doch ich schweige.

Und du? Wirf hoch die Sphinx-Stirn nur und höher,
Ein Stein-"Va Baque": Wer hier zuerst soll sprechen?
Ich nicht, ich nicht, - eh' mein du lachst, will eher
Zehnfach mein Herz ich als mein Schweigen brechen!

Oft ist es mir...

Of ist es mir, als liebest du,
Als kämpfest du so sehr wie ich,
Als schlösse Stolz dein Herz nur zu,
Als litt'st du auch so schwer wie ich.

Dann treibt es mich, dann reißt's mich fort:
"Ein Wort, das Heil erwirbt es mir!"
Und doch, kaum nah' ich dir, dies Wort
Auf zuckender Lippe stirbt es mir!

Wir grüßen uns so eisig dann,
Und scheiden eis'ger noch als je, -
Mit keinem Blick schau ich dich an
Und liebe mehr dich doch als je.

Wenn es so wäre, und auch du,
Verzehrt von Gluten, wild wie ich,
Des Tags umirrtest ohne Ruh,
Haltlosen Kummers Bild wie ich,

Und nachts, dir keiner Schuld bewußt,
Doch süßen Schlafs nicht walten darfst,
Nein, Geiern nur die nackte Brust
Und nackt're Seel' hinhalten darfst:

Nie würd' uns das von Dem verziehn,
Den Gottes-Lieb' einst trug ans Kreuz,
Daß unser Menschen-Hochmut ihn
Zum zweiten Male schlug ans Kreuz!

Anrufung.

Zerbrich, o Gott, den Hochmut mir!
Ich weiß ja, Lieb erwirbt allein
Durch Demut sich, -
Drum brich mir, brich
Den starren Sinn, das starre Sein!

Vielleicht das Himmelsglück von zwei'n
Hier erdennah vorübergeht
Und lauscht, ob noch
So leise, doch
Das Wort mir von der Lippe weht.

Dies eine Wort, o lehr' es mich,
Lehr' Nacken beugen mich und Knie!
Sieh, wie die Rast
Am Tag mich haßt,
Und meiner Nächte Unrast sieh!

Doch, was ich litt auch, gern dies Haupt
Will tausendfachem Leid ich weihn;
O Gott, nur lehr'
Dies Wort, so schwer,
Dies eine Wort - eins von uns zwei'n!

Soiree.

Musik, Juwelen, Festlust, die
Aus Kerzen strahlt, in Augen brennt,
Und Seidenschleppen-Rauschen, - kurz,
Was ein Soiree man nennt.

Prachtsoiree, - und Sie, was man
Das Prachtstück nennt in solchem Glanz,
Ei, wie empfängt und wie umdrängt
Sie der Bewundrer Mottentanz!

Mich sehn Sie nicht. Ich aber seh'
Aus meiner dunkeln Ecke hier
Nur um so schärfer und so mehr!
Viel mehr, - und plötzlich ist es mir:

Als käm' die Ros' und Königin
In all dem Frau'n- und Blumenflor,
Als käm' in ihrem Doppelglanz
Sie mir nur doppelt einsam vor.

Zerstreut seh ich Sie, mißgelaunt,
Gleichmäßig gegen alle zwar,
Doch so gleichgültig auch, wie nie
Es ihre Art sonst ist und war.

Da sehn Sie mich. Wie zuckt so jäh
Um ihre Wangen höh're Glut?!
Ist Schreck, Zorn, Haß es, - oder wie,
Wie, wären Sie mir dennoch gut?

Nun nah ich mnich, und plötzlich ist's,
Als ob der Himmel wieder blaut,
Doch nicht für mich, - mit jedem sonst
Wie lieb sind jetzt Sie und vertraut?!

Mich aber trifft kein Blick, wie nah,
Wie dicht ich auch bei Ihnen bin,
Und strahlend fliegen jetzt zum Tanz
Sie mit dem jüngsten Jungen hin.

Wie das? Für jeden Gnad' und Huld, -
Für mich nur Kält' und Übermut?!
Nur gegen mich so anders ganz, -
Wie, wären Sie mir dennoch gut?

Im Palmenhause.

Im Palmenhaus', - und draußen Flocken-Stieben!
War's wirklich: daß ich deine Hand durft' fassen,
Daß jäh es, wie ein Strahl von Sommer-Lieben,
Hier aufglomm mitten mir im Winter-Hassen?

War's wirklich: daß, rings Eis, mir plötzlich reifte
Ein Stück vom Süden, da in wildem Drange
Ich dich umfing und mir die Wange streifte,
Ein Fall von Rosenblättern, deine Wange?

Und wirklich dann: daß, mehr als Duft und Rosen,
Ein halb Verzeihen und ein halb Versprechen
Vom Mund dir fiel, und in ein einzig Kosen
Das Palmenflüstern rings schien auszubrechen?

Und wirklich dann auch: daß im selben Odem
Zurück du von mir flogst in jähem Schrecken
Zum Ballsahl, in des Tanzsaals schwülem Brodem
Vor mir und vor dir selbst dich zu verstecken.

Imprecation.

Wie schön du wieder warst! Die Ros' im Haar
Trug, doppelt glüh'nd, nur deiner Schönheit Joch,
Und, so wie sie, rings alles Blüh'nde war
Vasall und ABglanz nur von dir, - und doch -
Doch schmäh' den Reiz ich, den ich lieben muß,
Das Sonnenaug', das feindlich mir nun nachtet,
Das einz'ge Lippenpaar, nach dessen Kuß
Mein Mund, ein einz'ger Steppenbrand, verschmachtet!

Du stehst an meinem Himmel als Momet,
Schlaf meuchelnd durch die lange Winternacht,
Indes am Tag mir Will' und Werk verweht
Vor deines Blickes "Jettaturea"-Macht.
Vampyr und Zauber, nimm das letzte dir, -
So blündern einen Bettler wohl noch Diebe!
Und doch, - wie schön du wieder! - bleibst du mir
Das einz'ge Leben, das zum Tod ich liebe.

Zum Tod?! Und Zauber, - wohl gar Zaubertrank?!
Der Liebestrank wohl gar der Todesmär,
Der Tristan erst und Yseult liebeskrank,
Dann liebestot gemacht?! Und wenn's so wär'?
Doch nein, das nicht! Denn graus', wie schon es ist,
Das wär' zu viel von Liebesgraus und Grauen;
Genug, daß du von Yseults Schönheit bist, -
Muß ich auch noch mit Tristans Aug' dich schauen?

Kalt und herbe...

Kalt und herbe wieder sprichst du,
Und doch kränkt' ich dich in nichts,
Neuer Hoffnung Knospe brichst du,
Die so sehr bedarf es Lichts!

Ließ' in dieses Herz ich schau'n dich,
Das aufs neu du jetzt verbannst,
Fassen würd' und müßt' ein Grau'n dich,
Daß du nciht erwidern kannst.

Frevel ist's, wenn aus dem Port du
Den erschöpften Schiffer jagst,
Seines Hoffens letzter Hort du,
Ihm die Handbreit Land versagst.

Denn ich will ja nicht erflehn mehr
Deinen Vollbesitz, o nein,
Selbst auf Neigung nicht bestehn mehr, -
Nur gehaßt wil ich nicht sein.

Nur gehaßt nicht und verschäht nicht,
Wo du ja doch alles liebst
Und, vom kleinsten Stolz gebläht nicht,
Rings im vollen Händen gibst.

Wo dein Blick es und dein Scherz ist,
Was rings alle Welt erhellt,
Und nur lichtlos mir das Herz ist,
Das für sich doch eine Welt:

Eine Welt voll Frühlingslaub und
Lenzgesang, drauf alles lauscht,
Und daran vorbei nur taub und
Blind dein Hoffahrtspurpur rauscht!

Im Labyrinth.

Und wieder wankt mir unterm Fuße
Und biegt und bricht der schwanke Steg,
Kein Warner weist, kein Laut, kein Licht mir
Aus diesem Labyrinth den Weg.

Nachtlabyrinth, darin die Seele
Im Kreise um sich selbst irrt,
Dem wunden Falter gleich, und doch sich
Nicht so wie er zu Tode schwirrt!

Schon wähnt ich der Gewißheit Strand mir
Erkämpft, wie wüst er auch und leer,
Und nun stößt es zurück von neuem
Mich ins noch wüst're Zweifelsmeer.

Wer endet es: in Qual dies Schweigen,
Dies Taumeln zwischen Not und Not,
Darin der Zweifler Todesfolter
Und die Gewißheit Foltertod?!

Halte fest!

Längst war dir Fremdling ja der Frieden, -
Und dennoch trifft dich dieser Schmerz?
Sie liebt dich nicht, nun ist's entschieden,
Nun sei auch du entschieden, Herz!

Nie soll ein zweites Mal sie sehen
Auf deinen Grund, und reißt es fort
Dich auch in noch so wilden Wehen,
Geboren sei kein zweites Wort!

So sei's, so soll's hinfort geschehen,
Ob Tantals Qual dich frißt und preßt,
Kein Blick, kein Hauch soll es gestehen, -
So gilt's, mein Herz, so halte fest!

Und eins noch, niemand seh den Jammer,
Wie er dich drückt auch und erdrückt,
Austobe ihn in stiller Kammer,
Doch vor den andern sei beglückt!

Wenn um der Bettlerseele Blöße
Als Königskleid den Stolz du schlägst,
Fühlst du nicht mehr des Jammers Größe,
Fühlst du nur noch, daß du ihn trägst.

Stolz hilft dir, selbst dich zu belügen,
Was in dir gärt und knirscht und glüht,
Und mit dem Eise in den Zügen
Kommt bald auch Eis dir ins Gemüt.

Zur Nacht.

O Nacht, so schwarz zu schauen,
Sag an, was bringst du mir?
Nun weinen Feld und Auen,
Jetzt Augen taut auch ihr!

Mit halben Mondenscheine
Umdüsterst du den Sinn,
Ich fühle nur das eine,
Daß ich verloren bin.

Nach deinem Schlummerhafen,
Nach ihm nur steure ich,
Nur schlafen will ich, schlafen,
Und nichts erwecke mich!

Des nächsten Morgens Klingen
Soll klanglos mir verwehn, -
Wem nichts er hat zu bringen,
Was schiert der Morgen den?

Drum will ich still dich pressen
In meinen Arm, o Nacht,
An deinem Mund vergessen,
Was mich so elend macht.

Nicht will ich Flüche schweißen,
Nur ballen stumm die Hand,
Und noch viel stummer beißen
Die Zähne aufeinand:

Als gält's uns zwei zu schlagen
Ins selbe Leichentuch, -
Und wehe jedem Klagen,
Und jeder Träne Fluch!

Dunkler als Nacht.

Du schüttelst das Haupt, wie die Mähne
Ein Löwe soll Grimm und erbittert, -
Was fluchst du der schüchternen Träne,
Die deiner Wimper entzittert?

Ich kann dich nicht wieder erkennen,
Du bist mir ein Rätsel geworden,
Wie magst du nur selbsr entbrennen,
Das, was dir frommt, zu ermorden?

Du solltest die Stunde segnen,
Da sich deine Seele erschlossen, -
Nun wird dir's nicht wieder begegnen,
Dein Fluch hat die Quelle verschlossen.

Du wehrtest der heiligsten Quelle,
Daß Quelle des Heils sie dir werde,
Wie hoch von der Wolken Schwelle
Träuft Himmelsbalsam zur Erde:

Zur Erde, die lechzend und dürstend
Im Wüsten-Mittag sich recket,
Wenn, drüber glutfegend und - bürstend,
Des Samum Zunge sie lecket.

Ja wolltest du Geier ersticken,
Das könnte dir Frieden gewinnen, -
Doch Tauben die Flügel zu knicken,
Welch töricht frevelnd Beginnen!

Und hebst du die Hand gegen Schinder
Und Mörder, dein Recht ist's zum Leben, -
Doch Blutschuld ist's, gegen Kinder
Und Knospen die Faust zu erheben!

Auf der Post.

"Die Wetterfee ist Ihnen
Gar hold und wohlgeneigt!"
So spricht er zu der Dame,
Die in den Wagen steigt.

"Ich wünsche Ihnen alles,
Was nur Ihr Herz begehrt,
Und dächten je Sie meiner,
So wär' ich hochgeehrt!"

Was sie darauf erwidert?
Wie "Dank" klang's und "Viel Glück!"
Und dann, - nun dann flog wieder
Der Juno-Kopf zurück.

Auch drängten all die andern
Sich jetzt zum Abschied vor.
Er trat hinweg, - zum Eckstein
Im alten Posthof-Tor.

Die Tanten und Verwandten
Küßt jetzt sie noch einmal,
Und Abschiedstränen fließen
Ohn' End' und ohne Zahl.

Und auch die Ball-Bewund'rer
Noch einmal sie umstehn,
Und ringsum schwatzt's und schnattert's
Und schluchzt's: "Auf Wiedersehn!"

Nun schmettert in das Schnattern
Das Posthorn, und hinaus
Rollt sie, und die Verwandtschaft
Auch trollt sich jetzt nach Haus.

Und einmal klingt ihr Lob noch
Hell, wie aus einem Buch,
Als die Bewund'rer schwenken
Ihr letztes Taschentuch.

Nur einer schwatzt und schluchzt nicht
Und zieht kein Tuch heraus,
Ruft auch: "Au revoir!" nicht
Und geht auch nicht nach Haus.

Er lehnet stumm am Eckstein
Und starrt und starrt und sinnt,
Und beißt und beißt die Lippen,
Bis Blut hernieder rinnt.

Zu spät.

Und beißt, bis ein Blut-Morgen
Ihm auf den Lippen lacht, -
Will er sie strafen, weil sie
Erst dumm und stumm, wie Nacht?

Denn dümmer war, als Schweigen,
Was er da eben sprach,
Ob auch im dümmsten Wort noch
Ein ganzes Leben brach.

Nicht fand er selbst zum Abschied
Das letzte, rechte Wort,
Erharrte sie's? Vergebens,
Und stumm zog sie auch fort.

So war es stets gewesen.
Sie hatten stets verschmäht,
Den Himmel zu erknien sich, -
Und jetzt, jetzt ist's zu spät.

Vernünft'ge Leute schütteln
Den Kopf zu solcher, Mär', -
Es wär' ja auch zum Lachen,
Wenn's nicht so traurig wär'!

Der Eckstein.

Vom heißen Lager reißt es ihn empor
Und treibt ihn durch die friedhofstillen Gassen, -
So still, als läg' in ihnen eingesargt
Der ganzen Menschheit Dulden, Lieben, Hassen.

Nur ihn hetzt es als einzig Lebenden
Und scheucht's zur selben Stelle immer wieder:
Zum Posthof! Und zum grauen Eckstein sinkt,
Ein mitternächtig Wanderwild er nieder.

Der Mond blickt erdwärts, kummervoll und blaß,
Als teile er des Wandrers wilde Wehen, -
Der aber sieht nicht auf, nur nach dem Fleck
Starrt er, an dem er sie zuletzt gesehen.

Ein Bettelweib mit wunden Füßen
Schleppt morgens sich zu jenem Stein,
Ein nacktes Kind am leeren Busen,
So hockt sie dort, tagaus, tagein.

Du elend Weib, der dir da eben
Die reiche Silbermünze gab, -
Du ahnst wohl nicht: er löst dich nächtlich
Auf deinem grauen Steine ab?

Der graue Stein, - wie wogt im Posthof
Es tags an ihm vorbei und lacht
Und drängt und eilt und treibt, als hielt er
Am Lebens-Hochweg selbst hier Wacht.

Ja, wogend, eilend, drängend, lachend
Des Lebens richt'ger Hoher Weg
Täglich für alle, - nur für einen
Ein nächtlicher Calvarien-Steg!

Zwielichtspuk.

In geheimer Zwielichtstunde,
Wenn verrauscht des Tages Lauf,
Klafft die halbgeschloss'ne Wunde
Breit und voll mir wieder auf.

Durch das Dunkel dämmert wieder
Jener sonnenhafte Blick,
Schlingt sonnenhafte Blick,
Schlingt sich jener schlanken Glieder
Schwellend schwebende Musik.

Und das brennendste Verlangen
Ruft zurück den einz,gen Tag,
Da ich flüchtig dich umfangen,
Leicht dein Haupt an meinem lag.

Und mir ist's, als müßt' ich reißen
Einmal mit Gewalt empor
An die Lippen, an die heißen,
Was ich gänzlich doch verlor.

Ach umsonst, in nichts verschweben
Muß das Dämmerungsgesicht,
Alles magst du neu beleben,
Nur erschlag'ne Liebe nicht.

Ja, - erschlagen, - zugedacht als
Heil dir erst und Talisman,
Und von dir dann dargebracht als
Opfer blindstem Eigenwahn!

Ja erschlagen, - die im Kelche
Deiner Seele bargst und trugst
Erst als Meßwein du, und welche
Samt dem Kelch du dann zerschlugst!


Schatten-Wiedersehn.
(Als Epilog.)

Es liegt dir im Antlitz des Abendlichts Schein, -
Ist's wahr, daß wir einst so sehr uns geliebt,
Daß der Glut nicht Flamme wir konnten leih'n.
Daß sie kläglich in Tränen und Aschen zerstiebt?

Ich hatte gezittert, dich wieder zu sehn,
Zur Flucht trieb mich's vor dir und vor mir,
Und nun, da Aug' in Auge wir stehn,
Fest wurzelt der Fuß mir im Boden hier.

Nacht steigt aus dem Nebel-schwelen Tal,
Du lächelst so trübe, - ja, laß uns bereu'n!
Du öffnest die Lippen, - ja laß noch einmal
Den toten, zertretenen Traum uns erneu'n!

Du lächelst so flackernd, wie ob einer Gruft,
Kaum zugeschaufelt, ein Irrlicht bebt,
Deinen Mund umzuckt's, wie ein letzt-letzter Duft
Weiß-weißestem Rosenkelch entschwebt.

Und dennoch nein! Denn hört' ich flüstern
Dich jetzt von Liebe auch - zu spät!
Ich wandle einsam jetzt im Düstern,
Wo, außer mir, mich nichts verrät.

Und dir, - wie soll der Sehnden frommen
Ein Herz, mit dem du blind gespielt,
Dem spielend alles du genommen,
Was Heil'ges je ein Herz enthielt?

Nicht folgt es dir zurück ins Leben;
Von dem, was du zu Grabe trugst,
Könnt' ich dir nur die Trümmer geben,
In die du selber es zerschlugst.

Und du auch, - rühr' nicht an der Narbe,
Die kaum dein Wundmal überhaucht,
Nur weil es in die flücht'ge Farbe
Sich trüg'rischen Genesens taucht!

Laß beid' uns nicht nochmals ermessen,
Um welches Glück wir uns gebracht,
Laß beid' uns beiden es vergessen,
Wie arm wir uns statt reich gemacht.

Wie arm! Da Fluren rings uns grüßten
Von Tau-Juwelen übersteppt, -
Und wir durch Felsgeröll und Wüsten
Absichtlich blind den Fuß geschleppt!

Wie arm! Da Kränz' und Kronen nah uns
Für jedes Ernt'- und Krönungsfest, -
Und wir von jedem Golgatha uns
Den Dorn-Reif in die Stirn gepreßt!

Was hülf' das Wort auch? Wiedergeben
Kann es uns nicht die tote Zeit, -
Versäumte Liebe, versäumtes Leben,
Ein heillos-heilungsloses Leid!

Ja, rief' auch uns're heiße Reue
Noch einmal alles zurück,
Wir brächten uns doch nur aufs neue
Um das uns zugemess'ne Glück:

Wie Juda, - stieg' aufs neu ihm nieder
Der Heiland, ihn, in blindem Stolz
Und blind'rem Selbsthaß noch, schlüg' wieder
Ans nächste Schädelstätten-Holz!
Text: Udo Brachvogel - Lizenz: Public Domain