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Auf des Palazzo Marmorstufen hockt
Ein Weib, des Elends dürr vergilbtes Bild.
An ihren schlaffen Brüsten hängt ein Kind,
Ein winzig Kind, verschmachtend an dem Quell,
Daraus bisher sein halbes Leben floß,
Draus es bisher sein halb Verhungern sog.
Der Todesengel schwebt, still lächelnd, schon
Ob seinem Köpfchen.
              Und das Weib? Es lacht,
Daß wie zum Hohn von des Palazzo Wand
Es wieder lacht. Sie schlägt die leere Brust:
"Hast du nicht Milch, verfluchte Brust, gib Blut!"

Da öffnet über ihr sich eine Tür:
Und auf dem goldumgitterten Balkon
(Umrahmt von Schlinggewächsen weich und reich,
Umblüht von Hängerosen, dicht und licht,
Und von den dunkeln Blumen der Passion!)
Erscheint, selbst reizend wie ein Blumentraum,
Ein kleiner Engel, spielend mit der Pracht,
Die er von dem umrankten Gitter bricht.

Auf springt das Weib und hält das Kind empor
Mit wild befehlend-flehender Heftigkeit.
Und lächelnd neigt der kleine Engel sich
Und wirft dem Elendsbild hinunter, was
Von seinem Reichtum ihm das reichste dünkt:
"Mein Schönstes geb' ich dir! Denn wiss' es wohl,
Nach meiner Mutter dunkeln Augen sind
Das Schönste mir die dunkeln Blumen hier!"

Da zuckt es um des Weibes fahle Stirn
Wie Wahnsinns Wettern, während es vom Mund
Wie Fluch ihr fliegt. Der Engel aber birgt
Entsetzt sich hinter seiner Gitter Gold
Und seinen Wall von Blumen und von Duft,
Entsetzt, für das, was als sein Schönstes er
Hingab, zu ernten solchen, solchen Dank.

Auf des Palazzo Marmorstufen hockt
Das Weib, an ihrer leeren Brust das Kind.
Doch nicht allein. Der Todesengel, der
Ob seinem Köpfchen erst geschwebt, liegt jetzt
Am Herzen ihm. Und beide lächeln süß,
Wie Spielgenossen, die sich lang entbehrt,
Sich lang gesucht und nun gefunden sich.

Mit seinen blassen Schattenhändchen hält
Das Kind die dunkelste der Blumen fest,
Die aus der Höh' der Engel ihm gesandt:
Die schönste, größte und die dunkelste, -
Der Passiflore blühend Weltsymbol.
Text: Udo Brachvogel - Lizenz: Public Domain